Zeitbilder -
Text: Margret Mellert
Die Tänzerin und das Paradies
EINTAUCHEN INS FREMDE. Sich entziehen ist gar nicht möglich in dieser
Stadt. Kairo verschlingt dich mit der blossen Wucht seines Lärms. Der Tanz
der Mobilität auf den vielfach sich kreuzenden Strassen, all das
Ineinander, Übereinander, ein Geschiebe, eine Raserei, und immer von Hupen
begleitet. Anhaltendes Klagen, wütende Staccati, Eselsgeschrei - selbst in
tiefer Mitternacht nie Ruhe, nie Schweigen. Ein winziges Nachlassen der
Intensität vielleicht gegen halb sechs, wenn bei Sonnenuntergang die
meisten zu Hause sich gütlich tun am abendlichen Ramadan-Frühstück, das
die Frauen schon seit Mittag zubereitet hatten. Und dann, kaum ist der
ärgste Hunger gestillt, wieder hinaus auf die Strassen, den Markt, sofern
man Mann ist oder sittlich verhüllt und nachts am besten auch als
Touristin nicht ohne Begleitung. Wer wollte sich schon alleine
hineinstürzen in dieses endlose Fest. Wie leicht verlören Einsame in dem
Strudel sich selbst. Sind nicht auch die Männer meist zu mehreren
unterwegs? Als fänden sie Halt aneinander, im Vergnügen wie in der
Moschee.
Tagsüber ist das Gewoge im Basar geschäftsmässiger und träger zugleich,
das nächtliche Allegro von der Hitze zum Andante gedämpft. Rasch vorwärts
kommen in den schmalen Gassen einzig die Männer mit den Stoffballen auf
den Schultern. Wenn du einmal das scharfe Sssssss gehört hast, mit dem sie
sich den Weg freizischen, drückst du dich schon beim ersten Ansatz zur
Seite. Weichst aus in die Nischen, wo die Verkäufer lauern: Look, Madam,
welcome, Madam. Dabei immer aufpassen, wohin du trittst. Die Augen überall
haben. Die Nase zuweilen verschliessen, wenn etwas gar zu Übelriechendes
sie streift. Dann wieder weit öffnen: Gewürze duften herüber von dort, wo
die Köchinnen einkaufen. Oder die Zwiebeln, die ein Mann am Strassenrand,
direkt neben den zartesten Seidenstoffen, in Ringe schneidet für seine
Abendsuppe, und deren Brutzeln sein Magenknurren schon bald übertönen
wird.
Inmitten der bunten Stoffballen steht Maya, prüft seelenruhig die
Griffigkeit einer Seide, lässt sich lachs- und orangefarbene Flattergewebe
ans Tageslicht tragen, begutachtet Türkisschleier und Halbtransparentes
mit Changeant-Effekt. Aufmerksam, ohne Hast bedient sie der Händler, und
als es ans Ausmarchen der Preise geht, ist es Mohammed Said, unserm
Schirmherrn und Begleiter, ein Leichtes, die Vorstellungen des Verkäufers
mit denen Mayas in Einklang zu bringen, und ehe du dich dessen versiehst,
ist der Handel getätigt. Weiter denn durch die Gassen. Mit vollendeter
Grazie geht Maya voran. Allenthalben folgen ihr die Blicke der Männer,
bewundernd, respektvoll. Keine Zudringlichkeit. Ihre Aura umhüllt sie wie
eine Mantille. Und sie kann mittendrin sein im Geschehen, ohne sich
preiszugeben.
War das nicht vor acht Jahren schon so, als du sie zum ersten Mal tanzen
sahst? In einem Lokal war's, an einer Feier. Klassisch orientalisch tanzte
sie, eine geschmeidige Fee in blauem zweiteiligem Bauchtanzkostüm,
strahlend, kokett und unberührbar. Eine Frage des Selbstbewusstseins,
gewiss. Eine aus vielerlei Erfahrung gewachsene Kunst. Und doch muss etwas
von dieser Ausstrahlung, damals noch völlig unbewusst, schon der
Neunzehnjährigen eigen gewesen sein, als sie 1983 nach Kolumbien reiste,
weil sie von Pater Carlos Alberto Calderón gelesen hatte, dem
Befreiungstheologen, der im Elendsviertel von Medellín Strassenkinder
betreute. Ihm wollte sie helfen, also machte sie sich auf den Weg - mit
Erlaubnis der Eltern, die in ihr gern eine Krankenschwester oder
Kindergärtnerin gesehen hätten. Als nach der Ankunft am Flughafen kein
Taxi sie zu dieser Adresse fahren wollte, vertraute sie sich und ihren
Koffer in furchtloser Naivität einem wildfremden Mann an, der sie in einem
klapprigen Wagen tatsächlich zu dem Ort brachte, wo sie sich ohne
Umschweife an der Pforte vorstellte: Ich bin Maya Farner aus der Schweiz
und möchte hier ein Praktikum machen. Und weil den aus echtem Vertrauen
Mutigen alles gelingt, nahm man sie herzlich auf. Sie wohnte bei den
Nonnen im Hof, und wenn nach drei Monaten das Visum nicht abgelaufen wäre,
sie hätte noch lange dort glücklich sein mögen.
WIE LOCKER SICH AUS DER RÜCKSCHAU LEBEN ERZÄHLT. Drei Monate Alltag
schrumpfen zur Anekdote. Zwanzig Jahre werden zum weiten Weg in die
Gegenwart. Und ein Problem, das bis heute zuweilen mitläuft, wird zum
kristallinen Wendepunkt, der am Anfang einer Neuorientierung stand.
Genaugenommen hat dieser Punkt, eine mit dem Skalpell behandelte
Wachstumsstörung am Knie, schon der Mittelschülerin zu schaffen gemacht,
zumal das chirurgische Experiment nachhaltig missriet und eine Arthrose
provozierte. Das bedeutete zunächst, vom Lehrerseminar mit Hauptfach Sport
in die Diplommittelschule hinüberwechseln. Und, weit schmerzlicher, den
heiss geliebten Flamenco ad acta legen. Aber Maya wäre nicht Maya, wenn
sie sich mit Knieschonern zur Ruhe gesetzt hätte. In jener Zeit, da so
viel vermeintlich fest Gefügtes zerbrach, war es für sie
überlebensnotwendig, wieder zu tanzen, trotz dem Knie - oder eben im
einzigen Stil, der mit diesem Knie noch möglich war. So dämmerte,
zögerlich erst, das Licht aus dem Osten herauf, wuchs fast wider Willen
die Liebe zu den orientalischen Rhythmen und der ganz anderen, zutiefst
weiblichen Art des Tanzens heran. Nicht ohne Schmerzen, auch das. Es geht
an die Nieren, sagt sie, wenn du dich auf einmal im Becken zentrierst und
all das Anerzogene, Verhockte sich löst. Du durchbrichst Grenzen und
findest dich plötzlich allein. Das neue Selbstbewusstsein entwickelt sich
erst mit der Zeit.
Dann aber mit umwerfender Kraft. Die auch signalisiert, dass der Tanz ohne
geistigen Hintergrund ihr nicht genügt. Sie will studieren. Holt über Akad
die Matura nach, während sie sich gleichzeitig bei Khaled Seif zur
Lehrerin für orientalischen Tanz und Folklore ausbildet. Sie
immatrikuliert sich an der Uni: vergleichende Religionswissenschaft,
Philosophie, Germanistik. Merkt nach vier Jahren, dass sie Beruf und
Studium zusammen doch nicht schafft. Befragt ihr Herz: Es votiert klar für
den Tanz. Zum Entsetzen von Bekannten und Verwandten gibt sie das Studium
auf. Sie habe sich ja bewiesen gehabt, dass sie es könne, wenn sie wolle,
sagt Maya und erzählt lachend, wie sie als mathematische Niete durch reine
Willensanstrengung (büffeln, büffeln, büffeln) in der Matura ohne Vornote
zu einer Sechs in Mathe kam.
Ab 1999 also Konzentration auf den Tanz. Unterrichten. Auftreten. Projekte
entwickeln. Das geht fast zwei Jahre lang gut. Dann streikt massiv wieder
das Knie. Sofort aufhören zu tanzen, lautet das ärztliche Verdikt. Worauf
Maya einen Sportarzt findet, der ihr seinerzeit kaputt operiertes Knie mit
kundigerem Skalpell wieder einigermassen funktionstüchtig macht. Die
postoperative Entzündung heilt Maya selbst, indem sie ganz sanft, ganz
geduldig wieder zu tanzen beginnt. Und, noch an Krücken, meldet sie sich
2002 an der Uni Bern für das europaweit erste Nachdiplomstudium im Fach
Tanzkultur an und schliesst zwei Jahre später mit einer Arbeit über
orientalischen Tanz ab. Dass ihre Kommilitonen, lauter Koryphäen aus
Modern Dance und Ballett, die "Bauchtänzerin" nicht recht ernst nahmen,
bis sie ihnen einmal eine Stunde gab, erzählt Maya mit diebischer Freude.
Die hatten von den Isolationen unseres Genres keine Ahnung und kamen echt
auf die Welt! Sie selbst aber habe von den andern auch sehr viel gelernt,
nicht unbedingt physisch - die Technik der vom Boden wegstrebenden Tänzer
kommt für ihr Knie sowieso nicht in Frage. Aber die
Ausdrucksmöglichkeiten, das Vermitteln von Inhalten, die vielfältige
Kultur der Choreographie - da haben sich neue Horizonte eröffnet. Und ihr
Mut gemacht, in den tradierten Mustern des orientalischen Tanzes, die sie
aus dem Effeff beherrscht, nicht verhaftet zu bleiben. Ihnen
zeitgenössisches Leben einzuhauchen. Sie als Sprache zu nehmen und
eigenständige Gedichte daraus zu erschaffen.
WIE WEIT DER WEG WAR BIS DAHIN, wie viel es braucht, diese Sprache zu
lernen, kannst du im Anfänger-Unterricht höchstens erahnen. Selbst die
natürliche Grazie des ländlichen Baladi ist nicht einfach so angeboren.
Allein das Schreiten aus der Mitte heraus, kraftvoll und weich, geerdet
und aufrecht, stolz erhobenen Hauptes wie die Ägypterinnen, die du sahst
mit einem Korb auf dem Kopf. Und erst der Bewegungsreichtum, den der Raqs
Sharki umfasst, der klassisch orientalische Tanz, nur allzu oft schnöde
als Bauchtanz abqualifiziert. Als solcher bestenfalls in die Folklore,
meist gar in die Grauzonen erotischer Unterhaltung von Nightclubs
verschoben, sei's in Hamburg, Zürich oder Kairo, wo für ehrbare
Ägypterinnen öffentliche Auftritte ohnehin tabu sind. Nun mag in der im
Westen boomenden Szene - 53 600 Eintragungen unter Bauchtanz bei Google
allein in der Schweiz! - manchenorts viel Glitzerglanz über mangelndes
Können hinwegtäuschen wollen. Aber eigentlich siehst du es gleich: Wo die
fein ziselierte Kunst auftritt, verstummen die lauten Grobheiten bald. Da
ist jeder Hüftschwung präzis, anmutig wie fliessender Stoff beantwortet
der Leib die Rhythmen der Trommel, wird zum Resonanzkörper gleichsam, und
die Menschin ist ganz bei sich, in jeder Einzelbewegung bewusst, im
Einklang mit der Musik.
Dahin müsste man kommen: in jedem kleinsten Muskel ein Ohr! Und stolperst
derweil noch über deinen tausendsten Fuss. Siehst im grossen Spiegel ein
ungelenkes Wesen hinter den andern her tapsen. Wegblenden das Spiegelbild,
auf dem eine Fee eine Herde Elefanten anführt! Gefallen wollen ist ohnehin
die denkbar schlechteste Motivation. Es nimmt dem Tanz sein Geheimnis.
Verführt selbst Könnerinnen zu plumper Koketterie. Beginnt nicht in der
eigenen Mitte der Weg zu einem neuen Körpergefühl? Dort schlummert die
Ahnung, was Lebensfreude sein könnte, das uralte Wissen aus einer Zeit, da
noch Göttinnen tanzten.
UND EINES ABENDS IN KAIRO jene andere Erfahrung von Mitte, als in der
Zitadelle die Derwische auftraten - eine herrliche Show, mit einer Musik
zum Abheben dort im Hof unterm nahezu vollen Mond, die Kuppeln silberweiss
leuchtend im Himmelsschwarz. Und das Wirbeln, das Drehen, vor allem des
einen, der gar nicht mehr aufhören mochte, die Tanoura um sich gebreitet
zum Teller, und drehte und drehte um seine Achse, in wechselnden Tempi,
wiegte zuweilen den Kopf, lehnte sich schräg hinaus aus seiner Bahn, fing
sich wieder, angefeuert von Trommlern und sakralem Gesang. Eine Welt
kreist da im Rhythmus der universellen Klänge, im Herztakt des Alls. Und
wenn der Himmel den Faden des Kronenchakras nicht hielte, wie bliebe ein
Mensch wohl aufrecht in diesem rasenden Rund. Hinstürzen müsste er, dem
Schwindel anheim fallen, wäre nicht im Innern der Halt: nicht starr,
vielmehr biegsam, ein Tornado, eine Feuersäule, so wie Gott weiland dem
Mose erschien, und das Weltenrätsel ewig im Auge des Hurrikans.
Anderntags dann eine Kostprobe der Knochenarbeit, die dem Fliegenkönnen
vorausgeht: Im winzigen Hinterzimmer von Mahmouds Laden, zwischen
Glasschrank und Stofflager, geruht der Derwisch Hussein seiner Schülerin
Maya eine Stunde zu geben. Bindet ihr für das Training in Ermangelung
einer passenden seine eigene, viel zu weite und schwere Tanoura um, zurrt
sie in der Taille so fest, dass es ihr die Luft fast völlig abschnürt. Wo
hat Gott da noch Platz, wenn der Atem nicht frei ein- und ausströmen kann?
Wie soll eine Feuersäule sich bilden? Alles Technik, meint Hussein.
Streitet spirituelle Hintergründe rundweg ab. Oder er will sie vor
Ungläubigen nicht preisgeben. Was weiss man schon vom Verschweigen der
andern? Jedenfalls unterrichtet er ohne Brimborium. Bezugspunkte im Drehen
sind aussen, nicht innen. Von Himmelsachse keine Spur. Nur das Fleckerln
am Boden muss stimmen, und dass Maya im Vorbeiwirbeln seine Hand mit der
ihren stets trifft, wo immer er diese Hand ihr auch hinhält, bald oben,
bald unten, bald irgendwo. Konzentration auf ihn und die Drehung verlangt
er, nicht auf die eigene Mitte. Furchtbar eng ist der Raum, die Tanoura
streift immer wieder den Vorhang, die Glastür. Mayas Atem geht stossweise,
quickly, Maya, quickly, und ohne Musik, ohne Trommel, kein Herztakt, nur
die eigenen Füsse und dieser Ruf: quickly, Maya, quickly. Auf dass die
Tanoura ihr Schwergewicht waagrecht entfalte, das Sternmuster zeige. Und
dann die Arme graziös dazu regen, den Rock ergreifen, im Weiterdrehen die
Schnur in der Taille lösen, hochstemmen den Teller über den Kopf und dort
kreisen lassen, auf einer Hand, sofern möglich. Der Lehrer macht's
lächelnd und leicht, praktisch aus dem Stand, stämmig, wie er ist, und
kein bisschen ausser Atem, während Mayas Nasenflügel flattern. Hinlegen
und tot sein. Durchatmen und auferstehen. Wieder das schwere Ding
umschnallen und weiter: Quickly, Maya, good, Maya. Ein Spielmeister, der
seinen Kreisel antreibt.
Wie anders dagegen der Abend in Mayas Studio, als sie selbst ihre
Schülerinnen im Drehtanz unterrichtet. Allein die Vorbereitungsrituale,
das Räuchern des Raumes, die wohl gefüllten Früchteschalen, die Wahl der
Musik. Der selbstverständlich hergestellte Bezug zum Sufismus, zu Rumi,
dem Begründer des Ordens der wirbelnden Derwische, deren Tanz keinen
andern Sinn hat, als den Suchenden in Einklang zu bringen mit der
mystischen Strömung, damit er von ihr verwandelt werden kann.
War es nicht eine solche Verwandlung, die du sahst an jenem andern Abend,
als Maya zur Arbeit an ihrem grossen Projekt ins Studio kam? Wie verloren
stand sie da, von einer momentanen Verzagtheit ergriffen, ein Kind vor dem
grossen Spiegel, allein. Stand, und keine Übung wollte gelingen. Da ging
sie, band ihre Tanoura um, legte die Derwischmusik auf und begann zu
drehen. Und die Journalistin blieb wie gebannt auf ihrem Kissen, so stark
und fremd zugleich war dieses Drehen, in dem Maya sich ihrer Mitte wieder
näherte, schwang und kreiste, meist mit geschlossenen Augen, eine
wachsende Kraft um ein Zentrum, das diese Kraft sich mit jeder Umdrehung
selber erschuf.
"Ich schaute in mein eigenes Herz. An diesem Orte sah ich Ihn. Er ist an
keinem andern Ort", heisst es bei Rumi, der "die wahre Wirklichkeit" am
Kreuz, in Kirchen, Synagogen, Moscheen, auf Berg und Tal vergeblich
gesucht.
DIE MUSIK IST DAS WICHTIGSTE. Wenn du die richtige Musik hast und sie in
dir ist, dich durchdringt, kannst du gar nichts falsch machen. Die Technik
beherrschst du, der Körper gehorcht dir, aber die Musik musst du fühlen
und umsetzen, was du fühlst. Den Takt dazu gibt das Herz. Sagt Hassan
Afifi, Altmeister der Choreographen Ägyptens, berühmt für seine Shows am
Fernsehen, auf der Bühne, der Lehrer von Mayas Ausbilder Khaled Seif, in
dessen Zürcher Schule Afifi zuweilen noch Workshops leitet, als
Gastdozent. In der Dachbar unseres Kairoer Hotels sitzt er, die Mütze auf
dem Kopf, und hört Maya zu, die ihm ihr Projekt schildert, und in seinem
Kopf scheint ein Film abzulaufen, sein Körper übersetzt ihre Worte in
Gesten, die Hände tanzen, die Augen schauen nach innen und aussen
zugleich. Sein kreatives Zuhören spornt die Erzählerin an. Und ihrer
beider Überlegungen, wie die zu Chiffren erstarrten Tänzerposen aus
pharaonischer Zeit zum Leben erweckt werden könnten, geraten schon fast
zum Pas de deux. Nichts Abgehacktes, meint er, weiche Fügungen vielmehr,
wallende Gewänder, melodische Anmut. Begeistert bejaht er Mayas Vision von
der Nachtfahrt der Sonne und dem Kampf um das Licht, den sie tanzen will
als von innen heraus schlängelnd gestörte Ordnung der Maat. Sein Lob hat
nichts Gönnerhaftes. Ist Anerkennung von Profi zu Profi. Sein Rat, ihren
Drehtanz am Schluss so zu timen, dass der Applaus eindeutig ihr gehöre,
klingt dezidiert. Wobei ihm vielleicht erst da ganz klar wird, dass Maya
auf der Bühne allein tanzen wird. Fast achtzig Minuten
Multimedia-Performance, davon nicht einmal die Hälfte reines Video und der
grosse Rest Solotanz in fünf Tranchen - that's too much, sagt er, wie ein
Vater, der sich um die Gesundheit der begabten Tochter sorgt.
WIE LOCKER SICH EIN PROJEKT DOCH ERZÄHLT. Am Anfang vor allem, wenn es
noch beinah ein Traum ist. Oder unterwegs hie und da, wenn das Work in
Progress gerade an einem Punkt angelangt ist, wo ein neuer Impuls wie
frischer Wind wirkt, der Selbstzweifel zerstreut. Und ganz am Ende
natürlich, wenn alles gelaufen ist und man kaum noch weiss, wie es kam.
Wie viel Verrücktheit es brauchte, sich einzulassen darauf. Ihn wahr zu
machen, den Traum, wie der Spruch es suggeriert, der an der Schranktür in
Mayas Studio hängt: den Schlaf abzuschütteln und entschlossen die
Verwirklichung in Angriff zu nehmen. Ein Programm zu entwerfen, in dem das
tänzerische Können vereint würde mit dem im Studium erarbeiteten Wissen.
So dass dieses wiederum nicht akademisches Konstrukt bleiben müsste,
sondern in lebendige Bewegung geriete. Fragments of Paradise - wie ein
Fisch aus der Tiefe tauchte der Titel eines Morgens plötzlich auf. Stand
da, und Maya wusste einfach, so heisst mein nächstes Projekt. Begann Ideen
zu entwickeln, sprach mit dem Filmemacher Ahmed Mohsen, suchte Musik. Noch
beinah spielerisch, noch halb im Traum. Und noch ohne zu wissen, wie,
wann, wo so etwas überhaupt Raum finden könnte. Doch wie es so geht, wenn
Ideen nicht blosses Feuerwerk sind: Es tun Türen sich auf. Beziehungen
beginnen zu spielen. Fast wie von selbst fallen die notwendigen Dinge dir
zu. Zum Beispiel ein eigenes Studio. Der inspirierende Kontakt zu Peter
Gabriels Remixern, dem Electronic-Duo Engelspost. Und vor einem Jahr wurde
auch der Aufführungsort klar: das Zürcher "Kaufleuten". Im Februar 06 soll
die Premiere stattfinden. Also viel Zeit? Also im Handumdrehen mit einem
Teesieb einen Sandberg abtragen? Also durchatmen und aufbrechen! Den Berg
angehen, Schritt für Schritt. Das Ziel im Auge behalten, aber die ganze
Wegstrecke nicht zu oft bedenken, sonst gibst du bald auf. Vielleicht ist
es ein wenig wie Pyramiden bauen. Am Anfang steht der Plan. Aber während
du die einzelnen Quader zurechtschneidest, musst du ganz Steinhauer sein.
Und wissen, dass das Projekt viel Kraft brauchen wird. Alle andern
Auftritte absagen also. Ein erstes Storyboard schreiben für Ahmed, dann
ein zweites, ein drittes. Immer präziser werden und die Visionen stets neu
den Realitäten anpassen. Vor allem der Musik, Work in Progress auch sie.
In etlichen Hörsessions mit den Engelspöstlern den Ablauf entstehen
lassen, das Klangfundament, das alles trägt. Bei Madame Amira in Kairo
frühzeitig Kostüme bestellen, die eigenen Vorstellungen vom Sachverstand
und vom Traditionsbewusstsein der Designerin sachte korrigieren lassen und
später vielleicht doch selbst wieder eingreifen. Zutaten verändern. Neue
Unterröcke in Auftrag geben. Das Kleid für den Trancetanz überhaupt in der
Schweiz nähen lassen, von Edith Zimmermann, die noch in der Nacht vor der
ersten Durchlaufprobe den Saum der neuen Galabya für die Derwischszene
handrollieren wird.
Dann die Reisen nach Ägypten, zweimal mit Ahmed. Im Winter die
Kairo-Szenen drehen, in der Gluthitze des Sommers in Assuan Wüste und Nil.
Ein drittes Mal Kairo im Herbst, die kulturelle Imprägnierung auffrischen,
eine Art Vitaminschub. Nach der Rückkehr die Fülle von Ahmeds
Videomaterial anschauen, erneut einen Plan als zu starr verwerfen:
Langsames Erwachen der Stadt? Tagesablauf? Vergiss es! Die Sequenz mit den
arbeitenden Menschen ist so schön, und die Sonne tritt ohnehin schon im
dritten Tanz ihre Nachtfahrt an. Äusserlichkeiten sind leicht zu opfern.
Die innere Wahrheit des Stücks tastet das ja nicht an.
An der feinen Struktur ihres Tanzpoems arbeitet Maya meist still für sich
und oft stundenlang an einer Minutensequenz. Erprobt Bewegungsabfolgen,
begutachtet sie auf winzigem Video, verwirft sie, lauscht der Musik und
ihrem Körper neue Möglichkeiten ab. Entwickelt Bilder, die gelesen werden
könnten wie die in Stein gemeisselten Zeichen der altägyptischen
Schreiber, die aber, in die anschauliche Bewegung geholt, auch dem
Nichteingeweihten die Geschichte der ins Totenreich untergehenden und
siegreich wieder auferstehenden Sonne erzählen.
Und einmal, um das eben eingetroffene Zâr-Kleid zu feiern, lässt Maya sich
hinreissen, in deinem Beisein den Trancetanz zu entwerfen, tanzt lange,
ungebärdig und wild und mit fliegendem Haar, und der Schreibstift kann gar
nicht anders als mittanzen, den Schriftzeilen entfliehen ins Zeichnen mit
ungebärdigem Strich, gepeitscht von den Rhythmen der Trommeln über alle
Stilgrenzen hinaus. Der Verstand aber hinkt der Hand hinterher. Erst an
der Durchlaufprobe, als Maya vor den Bildern des Videos tanzt, wird dir
klar, was das ist, dieser Zâr, und was der Kult in den ländlichen Gebieten
Ägyptens für jene Frauen bedeuten muss, die sich, in so vielen Rechten
beschnitten, im Kreis ihrer Schwestern in Trance wiegen, sich in
Sinneserfahrungen stürzen, derer sie sonst nie teilhaftig würden; sich für
ein paar Stunden wenigstens freitanzen vom übermächtigen Schatten der
Vorschriften, der Tradition.
DER ERSTE DURCHGANG, zwei Monate vor der Premiere. Alle guten Geister
versammelt. Heikle Einzelszenen erprobt. Scheinwerfer eingerichtet,
Übergänge besprochen. Die Lichtdesignerin Margrit Reiser ändert
seelenruhig zum x-ten Mal ihren Fahrplan: Hier also Boden rein, dort Boden
raus. Und wollt ihr da jetzt das Blau? Zu hell? Gut, mach ich's dunkler.
Aber die Paradiesjungfrau bleibt grün! - Auch Ahmed hat gelassen einmal
mehr notwendige Schnitte im Video gemacht, wird weiter dran arbeiten, hier
kürzen, dort hinzufügen, Übergänge anders gestalten, was immer das
Gesamtkunstwerk noch braucht. "...." Zur Zitterpartie könnte allenfalls
der Schleiernessel-Vorhang werden, der an der genialen Konstruktion des
Bühnentechnikers Günter Kamp hängt und im gegebenen Moment fallen sollte.
Und wie er fällt! Was immer überhaupt schon jetzt klappen kann, klappt.
Nicht in letzter Vollkommenheit, bewahre uns Theaterleute vor dem Übel
vorschneller Perfektion! Aber so, dass man am Ende eines langen Tages sich
bis zum nächsten Probentermin im Januar getrost wird verabschieden können.
Und Maya, in der Garderobe noch etwas flattrig, lässt auf der Bühne das
Alltägliche los, begibt sich auf den Stufenweg des Erkenntnisprozesses.
Begrüsst mit dem Schleiertanz den neuen Morgen, das Leben, tanzt sich
durch die Jugend im Duett mit der Darabukka, noch kokett, noch verspielt.
Wird dann geprüft im Reiche der Maat, erkämpft sich unter Schatten wieder
das Licht. Hat das Stirb und Werde durchschritten und ist doch im Frausein
beherrscht von vielerlei Zwängen. Verbindet sich mit den Dschinnen im Zâr,
tanzt sich in Trance, tanzt sich frei. Und läuft leichten Schrittes über
die Dünen Richtung Oase davon. Wird als Paradiesjungfrau in einem neuen
Stande der Unschuld schön sein, begehrt und unberührbar. Und sich am
Schluss im Derwischtanz auch jene Domäne erobern, die ein engstirnig
patriarchalischer Geist den Männern vorzubehalten gedachte: den Königsweg
zur Verbindung mit dem höchsten Bewusstsein.
Die Aufführungen der multimedialen Tanzperformance "Fragments of Paradise"
finden am 10. und 11. Februar, jeweils 20.30 Uhr im Zürcher "Kaufleuten"
statt.